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Dank Schalkes Nordkurve schmeckt dieser Sieg umso süßer

Zunehmend fällt es mir schwerer, trotz mancher Ideen zum Spieltagstext am Anfang wie gewünscht in den Schreibfluss zu kommen. “Auch nach Spieltag x sind die Bayern nicht zu stoppen”, “Unter van Gaal die gesamte zweite Saison geforderte, angekündigte und benötigte Siegesserie findet unter Heynckes endlich statt”, oder “Nur Rundum-Wohlfühl-Bayern sind die wirklich guten Bayern”. So könnte man es im Moment zusammenfassen. Wöchentlich, bzw. im Drei-Tages-Rhythmus sehen wir Bayern, die begeistern. Daran konnte auch Schalke 04 am gestrigen Abend nichts ändern.

Mit einem 2:0 beim amtierenden Pokalsieger verteidigte der FC Bayern die Tabellenführung auch nach dem 6. Spieltag und hat eine Torbilanz, die sich so langsam liest wie der Kampfrekord eines aufstrebenden Profiboxers: 18:1. Unglaublich. Wie das aussähe, hätte man diesen blöden Patzer gegen Gladbach nicht fabriziert…

Das Spiel war durch und durch überzeugend. Die klar bessere Mannschaft war der Gast aus München, der im Spiel nicht einmal 100% geben musste, wie es den Anschein machte. Über weite Strecken des Spiels hätte man die Bayern sogar vorwurfsvoll fragen können, ob sie bei solch einem klaren Spielverlauf mit einem 1:0 schon zufrieden sind. Thomas Müller machte in der Schlussviertelstunde den Sack zu und erzielte sein erstes Saisontor. Besonders erfreulich war für mich, dass Nils Petersen in seinem Startelf-Debüt direkt einen wichtigen Treffer erzielte und bis dahin unter Beweis stellte, dass ein Ausfall Mario Gomez’ schon mal abzufangen ist.

Vor dem Spiel ließen es sich zahlreiche Schalker Fans nicht nehmen, mit widerwärtigen Plakaten gegen den Mann, der bis vor kurzem noch Spiel für Spiel die Knochen für seinen Herzensverein hingehalten hat und der Mannschaft zahlreiche Punkte im Alleingang sicherte, sich nun aber sportlich weiterentwickeln will, Fußballdeutschland zu demonstrieren, wie es um den geistigen Zustand vieler der anwesenden “Fans” bestellt ist. Als Neuer vor Anpfiff in sein Tor vor der Nordkurve lief, wurde er von tausenden wie die Primaten gestikulierenden Leuten begrüßt, die ihn aufs Übelste beschimpften und mit maximaler Lautstärke pfiffen, sobald sich ein Ballkontakt Neuers auch nur abzeichnete. Man war beinahe der Erwartung, die ersten würden gleich wild mit den Fäusten auf die eigene Brust trommeln.

Nach außen hin hat sich unser Torwart davon zum Glück nicht beeindrucken lassen. Wichtiger als der umschriebene Typus Schalke-Fan wird ihm nach Spielende auch gewesen sein, dass seine ehemaligen Kollegen um Benedikt Höwedes, Ralf Fährmann oder Atsuto Uchida den Menschen Manuel Neuer nicht vergessen und ihn fair, teilweise sogar herzlich beglückwünschten und umarmten. Dieses sportliche Verhalten hätte den – für mich nur in einem minimalsten Ausmaß nachvollziehbaren – gekränkten Anhängern auch besser getan, als die Zurschaustellung der demonstrierten Primitivität. Und Manager Horst Heldt, der vorab quasi einen Freibrief für Niveaulosigkeiten (Jeder darf seinen Ärger so ausleben, wie er es für angemessen hält; nicht im Wortlaut, aber sinngemäß) ausstellte und Transparente grenzenloser Geschmacklosigkeit (vermutlich) wohlwollend zuließ, hat sich selbst in höchstem Maße diskreditiert. Die Antwort lieferten die Bayern auf dem Platz, wo sie auch für ihren neuen Keeper siegten, wie Jupp Heynckes am Ende verriet.

Über die Plakate, die man im Boulevard bei Bedarf nochmals in Textform nachlesen kann, kann ich mich noch immer stark ärgern, auch einen Tag später. So hervorstechend gut mir die Schalker Fans sonst oft gefallen, wenn sie ihre Mannschaft mit bombastischer Stimmung, tollen Gesängen und akustischer Ballkontaktbegleitung für Raul oder Uchida bis zuletzt anfeuern, so dass es als Zuschauer Spaß macht, zuzuhören, so traurig war diese Vorstellung gestern bei Manuel Neuers erster Bundesliga-Wiederkehr an alter Wirkungsstätte mit neuem Wappen auf der Brust. Und mit all den Negativbemerkungen über die Schalker Fans sind auch ausschließlich jene gemeint, die sich daran beteiligt haben, gewiss schere ich dabei nicht alle über einen Kamm und bin mir zudem sicher, dass sich selbst viele Schalker Fans mit dem gestern gebotenen geistigen Offenbarungseid vieler ihrer Freud- und Leidgenossen nicht identifizieren können.

Aber es macht den Sieg umso süßer und es bleibt die Erkenntnis, dass die zu Beginn wie ein Titelkonkurrent spielenden Schalker gegen diese Bayern überhaupt nichts auszurichten haben. Das Spiel hat gezeigt, dass Manuel Neuers Wechsel sportlich wohl mehr als nachvollziehbar ist.

11 Kommentare

    • Die Pfiffe für Rafinha wurden im zweiten Durchgang aber verhaltener. Er kam ja auch über den Umweg Genua und war nicht annähernd derart Identifikationsfigur für die Schalker wie Neuer.

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      • Und eben drum ist es so verlogen, wenn die Schalker (also die um die es hier geht, nicht alle) sagen, es liegt daran, dass Neuer so ein Durch-und-durch Schalker war. Denn das war Rafinha nicht, und kam sogar über einen Umweg und wurde trotzdem ausgepfiffen. Da war ich kurz erschrocken, weil ich dachte, dass der auch bei den Schalkefans im Schatten von Neuer etwas untergeht. Aber die Pfiffe waren doch leiser und auch nicht so anhaltend. Aber im ersten Moment war ich da, wie gesagt, negativ überrascht, dass da Pfiffe kamen.

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  1. Über schlechten und guten Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.
    Abgesehen davon hat die Südkurve mit ihren Anti-Neuer-Aktionen auch nicht viel besseren Geschmack bewiesen. Und jetzt komm mir nicht mit den Ultras. Auch andere Gruppen haben da mitgemacht.
    Von den Plakaten war sicherlich die “Todesanzeige” etwas daneben. Der Rest größtenteils sogar mit ein wenig Humor.

    Wie du dich über die Pfiffe aufregen kannst, verstehe ich absolut nicht. Das gehört nunmal dazu. Er wusste, dass es passieren wird, wenn er zu Bayern wechselt. Er hat es akzeptiert und sich gestellt. Hier jetzt die moralische Keule zu schwingen und einen auf Gutmenschen zu machen, finde ich ein wenig daneben. Jeder, der gestern gepfiffen hat, hatte ein Recht darauf. Er hat Eintritt bezahlt und sich den Stadionregeln entsprechend benommen.

    Ich habe mir für gestern bewusst keine Karte gekauft. Weil ich nicht pfeiffen wollte. Ich wollte auch die anderen nicht pfeiffen hören. Vor allem aber wollte ich die Schalker Identifikationsfigur der letzten Jahre nicht in seinem Wohnzimmer mit einem Bayern-Logo spielen sehen.

    Dass ihr Bayern Fans das nicht versteht, wundert mich nun ehrlich gesagt nicht wirklich.

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    • Über die Pfiffe ärgere ich mich doch gar nicht. Das wird niemals ausbleiben, wenn ein Spieler entgegen dem Verständnis eigener Fans einen logischen nächsten Schritt geht. Dass man sich als Fan im Stadion da ein bisschen hineinsteigert, kann ich vielleicht sogar noch verstehen. Das wird Christian Fuchs so ergehen, dass ergeht einfach vielen so, die die letzte Sprosse der Karriereleiter noch erreicht sehen und das auch so zugeben. Dagegen sage ich auch nichts. Ich sage auch nicht, dass ich nicht nachvollziehen kann, dass man also Schalke-Fan eine Anti-Neuer-Stimmung hat. Alles in Ordnung bis dahin. 

      Aber dass man plötzlich vergisst, was der Spieler bislang gemacht hat, was er alles leistete und dass es hier um seine sportliche Karriere geht und nicht mehr um seine Sandkastenfreunde aus dem Fanblock, denen zuliebe er auf sportliche Entwicklung pfeift und auf ewig bei den Schalkern bleibt, nur weil einige denken, dies sei ein früherer Ultra dem Verein schuldig, dass darf man von erwachsenen sich mit der Materie hinreichend befassenden Menschen schon verlangen. Man darf ebenso ein Mindestmaß an Respekt für vergangene Tage entgegnen. Was da abgezogen wurde war an Respektlosigkeit nicht zu übertreffen. Diese Leute sollten sich mal fragen, was mit Schalke in den letzten Jahren los gewesen wäre, wenn Neuer dort nicht das geworden wäre, was er heute ist.

      “Ihr Bayernfans könnt das nicht verstehen” liest und hört man in jeder Diskussion um diesen Wechsel. Was können wir denn nicht verstehen? Dass Schalke in seiner Region Religion ist? Dass es – was mir zwar ein Dortmunder, aber geografisch ortskundiger Fan, mal sagte – dort außer Fußball nicht viel gibt und Fußball daher einen ganz besonderen Stellenwert im Pott genießt? Also bitte. Es geht hier um Profisport und da sollte ein jeder Spieler darauf bedacht sein, das Maximum aus seinen Möglichkeiten zu holen. Und wenn das bei X vielleicht nicht so vielversprechend umzusetzen ist, dann muss man es im Sinne des Ehrgeizes nun mal bei Y versuchen. 

      Löblich finde ich deinen Umgang mit der Situation, Hut ab davor!

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      • Viele Fans haben Neuer EINEN Wechsel gar nicht übel genommen. Es geht eher darum, WIE der Wechsel zustande gekommen ist.
        Zunächst hat er die Fans quasi ein Jahr an der Nase herum geführt. Schon zu diesem Zeitpunkt stand für ihn fest, dass er nach München gehen wird. Auf seiner legendären PK liefen dann die Krokdilstränen und er behauptete erst jetzt von einem Interesse aus München erfahren zu haben. Das hat ihm, zurecht, niemand abgenommen. Er hat ja selbst bestätigt, dass er schon lange vorher davon wusste.
        Was ich ihm persönlich am übelsten nehme ist die Aussage: “Ich möchte NUR zu den Bayern” und das zu einem Zeitpunkt, als noch andere internationale Spitzenklubs angefragt haben. Damit hat er Schalke quasi jegliche Verhandlungsposition genommen.
        Sowas macht man nicht.
        Wäre er nach Manchester gewechselt, wäre er bei einem erneuten Aufeinandertreffen mit Standing-Ovations empfangen worden.
        Fußballromantiker wie ich haben natürlich auf einen Verbleib Neuers gehofft. Bis zum bitteren Ende.
        Dass er aber dann auf diese Art und Weise wechselt, habe auch ich ihm sehr übel genommen.
        Natürlich können die meisten Fans nachvollziehen, dass er sich sportlich verbessern will und muss. Die Enttäuschung, dass er dann ausgerechnet nach München geht und dann auf diese Art und Weise, muss man Fans einfach zugestehen.

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        • Immer der Quatsch mit der Verhandlungsposition. Als ob Manchester und Bayern ein Wettbieten veranstaltet hätten. Alle wussten, dass Bayern das Ziel ist. Egal, ob Neuer das öffentlich ausspricht, die beteiligten Parteien wussten es auch vorher. So schlecht war die Verhandlungsposition nicht, denn Schalke wusste nicht nur, dass Bayern das Ziel ist, sondern auch dass Bayern ihn unbedingt haben wollte und sozusagen bei Neuer im Wort stand. Glaubst du ernsthaft, dass mehr Geld für Schalke drin gewesen wäre, wenn irgendwelche Details anders abgelaufen wären?

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  2. Pfiffe für Rafinha sind mir auch gar nicht so wirklich aufgefallen. Wie gesagt, er kam ja über den Umweg Genua, sein Wechsel lief damals ganz anders ab und er war keine Identifikationsfigur in diesem Maße. Und Neuer kann sich bei seinem Zoobesuch ja fast noch glücklich schätzen, dass keine Bananen geflogen sind ;)

    Abgesehen davon war es wieder eine sehr beeindruckende Leistung. Nach dem 2:0 hat dann zwar der Zug zum Tor gefehlt, Schalke wurde dann aber durch einfaches Passspiel dermaßen vorgeführt, dass sie trotz teilweise hohem Druck nicht mehr an den Ball kamen, das war wohl noch demütigender als ein mögliches drittes Tor.

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  3.  Finde die Beurteilung von Petersen allgemein bedenklich. Es ist schon augenscheinlich, dass der sich sehr schlecht bewegt und noch einiges vom Bayern-Durchschnitt entfernt ist, oder. Gerade im Direktvergleich zum Mario ist das ein gewaltiger Unterschied.
    Grüße allseits

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    • Es ist eine völlig neue Welt in der sich Petersen da befindet. Dafür macht er es nun wirklich nicht übel. Ausgelassene Chancen gehören dazu und solch jungen, noch unerfahrenen Spielern sollte man diese Zeit schon lassen, ohne sich gleich auf sie einzuschießen. Findest du nicht?

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    • “…dass der sich schlecht bewegt…”
      Bitte was? Der hat sich in 1.5 Spielen so schlecht bewegt, dass er 6 gute Chancen hatte (3 gegen Villareal und 3 gegen Schalke)
      Was man bemängeln kann ist die noch mangelnde Kaltschnäuzigkeit, da nicht mehr als ein Tor draus zu machen. Aber da gestehe ich ihm die Nervosität auch zu, so als Neuling in der großen Bayernwelt.

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