Während Dortmund und Gladbach weiter fröhlich ihre Spiele gewinnen, findet sich der FC Bayern, am 17. Spieltag noch Tabellenführer, Herbstmeister, inzwischen auf dem dritten Rang ein. Das vom FC Bayern in letzter Zeit unerträgliche, ideenlose Spiel wird auch noch dazu führen, dass der FC Schalke an den Bayern vorbeizieht (vielleicht ja schon nächste Woche, im direkten Duell, vor dem mir Angst und Bange ist) und man sich am Ende glücklich schätzen kann, in der Vergangenheit den möglichen vierten Champions League-Platz für die Bundesliga erspielt zu haben. Während Dortmund in diesem Jahr alle Spiele gewonnen hat, Gladbach bis auf ein Remis ebenso, haben die Bayern von ihren sechs Partien im laufenden Jahr nur drei gewinnen können. Willkommen in der Realität.
Vergegenwärtigt man sich nur mal, wie schlecht und einfältig dieser nominell beste Kader des Landes – von dem man behauptet, auch international durchaus konkurrenzfähig zu sein – außerhalb dieser frühen Siegesserie spielt, ist auch ein dritter, selbst ein vierter Platz, so wie es im Moment ausschaut, noch schmeichelhaft. Jede Mannschaft ist in letzter Zeit optimal auf die Bayern eingestellt und wirklich interessant scheint dabei nur zu sein, ob der Linksverteidiger es mit Thomas Müller oder Arjen Robben zu tun bekommt. Wer in der Schaltzentrale der Bayern spielt, scheint derzeit auch nicht von Belang zu sein. Luiz Gustavo fällt da mit etwas Wohlwollen sogar noch positiv auf, aber ansonsten muss sich die sportliche Leitung den Vorwurf gefallen lassen, neben Bastian Schweinsteiger niemanden im Kader zu haben, der aus dem Mittelfeld heraus ein Spiel dirigieren kann. Man hat zwar mit Tymoshchuk und Gustavo zwei starke Abräumer, aber dem Offensivspiel sind die beiden beim besten Willen nicht zuträglich. David Alaba muss sich auf dieser Position vielleicht noch finden, ist auch noch sehr jung und unerfahren. Danijel Pranic ist nur noch auf dem Papier Bayernspieler, wird froh sein, im Sommer ein letztes Mal von der Säbener Straße aus davonbrausen zu können und den FC Bayern auf ewig hinter sich zu lassen.
Man war wohl kaum grundlos an Arturo Vidal interessiert, aber, für die Bayern so typisch, sagte man sich, “Wir wollen Vidal oder keinen”, und guckte in die Röhre, als dieser sich unter streitbaren Umständen für Juventus Turin entschied. Dennoch ist das keine Herangehensweise an einen Transfer. Es geht darum, die Mannschaft zu verstärken, nicht einem einzelnen Spieler ein Liebesgeständnis zu machen. Wenn Rummenigge & Co. doch schon sehen, dass im Mittelfeldzentrum Bedarf ist, dann kann man nicht so borniert sein und sich auf einen einzigen Spieler beschränken. Aber das ist offenbar nicht kompatibel zum Selbstverständnis der entscheidungstragenden Herrschaften beim FC Bayern, die bei nächster Gelegenheit unreflektiert herausposaunen, als FC Bayern München einen Spieler auch zu kriegen, wenn man diesen denn wirklich wolle. Schon klar.
Meinetwegen soll diese Saison nochmal ohne Titel beendet werden. Für das Märchen vom Champions League-Finale im eigenen Haus bin ich nicht mehr Optimist genug, halte das unabhängig von Optimismus oder Pessimismus schlicht und ergreifend für überaus unrealistisch beim gegenwärtigen Auftreten dieser in keinster Weise mehr harmonisch wirkenden Mannschaft. Als Fan der Bayern würde ich mir aber wünschen, dass eine zweite titellose Saison in Folge wenigstens bewirken würde, dass sich nun endgültig mal etwas Grundlegendes ändert in diesem Verein. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es zwischen der Mannschaft und dem Trainer nicht mehr stimmt. Aber mit einem Philipp Lahm als Kapitän wird man das, sofern es tatsächlich so sei, erst erfahren, wenn der Trainer nicht mehr im Amt ist. Dann lässt es sich bekanntlich gut kritisieren. Zwar mag der nun altersmilde Heynckes vor den Kameras sympathisch und locker wirken, noch sympathischer wäre es allerdings, würde ihn bald endlich mal so etwas wie Einfallsreichtum und Vielfältigkeit erreichen.
Ich kann nicht begreifen, wie man mit dieser Millionentruppe – die bewiesen hat, als Team funktionieren zu können, ansonsten aber auch noch über genügend Einzelkönner verfügt, die ein Spiel entscheiden könnten – Spieltag für Spieltag von spielerisch unterlegenen Mannschaften Anschauungsunterricht in Sachen Taktik und Einsatzbereitschaft bekommt. Einfachste Mittel reichen aus, um einer Mannschaft die Stirn zu bieten, die sich doch so gerne mit dem FC Barcelona vergleichen möchte. Und, warum auch immer, ähnliche Ziele verfolgt wie der FC Barcelona. Die Bayern waren womöglich auf mauernde Freiburger eingestellt, gegen die man wahrscheinlich auch keine Lösung gefunden hätte, aber irgendwie noch auf ein dreckiges 1:0 hoffte. Vielleicht ja durch Franck Ribery, dessen großes Ziel es ist, eines Tages Weltfußballer zu werden, den Ballon d’Or zu erhalten. Der sensationelle Spiele macht, in schlechten Phasen jedoch vor allem eines ist: ein Karten fordernder Schwalbenkönig, den man nicht ausreichend dafür kritisieren kann. Ein derart unsportliches, beschämendes Verhalten wird man bei einem Lionel Messi oder Xavi in hundert Jahren nicht erkennen können.
Neben der arroganten Kaderpolitik, die es abzuschaffen gilt, in deren Zuge man sich so lange vor Neuverpflichtungen verschließt und den eigenen Kader demonstrativ stärker lügt, als er ist, bis eine erneut zu Gunsten Anderer entschiede Saison eines Besseren belehrt, braucht man beim FC Bayern einen Mann, der Spiele ausrechnen kann und eine Mannschaft innerhalb der 90 Minuten clever umstellen kann wenn nötig. Wenn das nicht der Trainer ist, dann eben ein Co-Trainer. Ich habe seit einiger Zeit meine Zweifel, dass Jupp Heynckes noch die beste Wahl als Trainer ist. Wie kann denn ein Trainer behaupten, das beste Trainingslager aller Zeiten bestritten zu haben, wenn man dann in den ersten drei Spielen vier von neun Punkten holt und die Tabellenführung ohne Gegenwehr herschenkt? Was haben die in Katar gemacht? Unter größtem Spaß Schafkopf gespielt, oder beim Training vergessen, dass zum Fußball auch Gegner gehören? Wie sonst passt der Eindruck dieser Vorbereitung dann mit dem Dargebotenen zusammen? Ist man wirklich so naiv, sich vorrangig auf die Champions League zu konzentrieren? Dann liefe man aber Gefahr, viel schneller mit leeren Händen dazustehen, als einem lieb ist. Das setzt der Sache aber nur die Krone auf. Diskutabel finde ich auch den Umgang mit Arjen Robben, den man zum Bankdrücker degradiert, auf dessen besondere Fähigkeiten man nach 45 erbärmlichen Minuten gegen den Tabellenletzten plötzlich aber doch setzt. Oder das sonstige Einhalten des eisernen Prinzips, erst ab Minute 60 zu wechseln. Wenn doch schon nach 45 Minuten klar ist, dass hier nichts zusammengeht, dann muss gehandelt werden. Dann muss vielleicht nicht nur ein neuer Stürmer gebracht werden, sondern vielleicht mal das ganze System umgestellt werden. Ein in der Regel überflüssiger zweiter Sechser kann raus, um nach vorne mehr Druck ausüben zu können. Man sollte einfach mal eher anfangen so zu spielen, wie man es tut, wenn so langsam die 85. Minute anbricht und sich abermals ein Punktverlust andeutet. Warum spielt man nicht immer mit dieser Entschlossenheit, wie zum Spielende? Es muss sich einiges tun. Möglichst schnell.
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20/02/2012 @ 11:58
Amen.
20/02/2012 @ 12:00
Kleine Korrektur. Es waren 3 Siege für die Bayern (Köln, Stuttgart, Lautern).
20/02/2012 @ 12:02
@Volker: Köln war noch im letzten Jahr. Mir ging es speziell um das laufende Kalenderjahr. Nach der tollsten Vorbereitung, seit es Fußball gibt.
20/02/2012 @ 12:25
Klingt nach einer realistischen Einschätzung. Würd ich unterschreiben!
20/02/2012 @ 12:33
Sorry, Wolfsburg statt Köln. Es gab ja erst 5 Ligaspiele und 1 Pokalspiel.
20/02/2012 @ 12:48
Du hast natürlich völlig recht. Ich habe es korrigiert – danke sehr.
20/02/2012 @ 12:37
Sehe ich ein bisschen anders. Sicherlich muss man im Laufe des Spiels das System umstellen, aber letztendlich fehlt der unbedingte Wille den Sieg zu holen. Und das ist für mich zumindest derzeit das entscheidende Problem. Die Mannschaft spielt immer den gleichen Stiefel runter, egal ob 0:1, 1:1 oder 2:1 steht. Es ist zum heulen, wenn man sieht, wie die Herren auf dem Platz derzeit in die Zweikämpfe gehen und das größte Manko ist wohl das Passspiel. So etwas erschreckendes wie in Freiburg habe ich in der Form schon eine Weile nicht mehr gesehen, aber auch das funktioniert seit Beginn der Rückrunde nicht mehr.
Aber ich denke nicht, dass sie vom Trainer falsch eingestellt worden sind. Vielmehr sehe ich die Arroganz einzelner Spieler als Problem, die jedesmal die Floskel vom besten Teams Deutschlands runterleiern und am nächsten Wochenende wieder so einen Mist zusammenspielen. Ganz vorne dabei ist Herr Lahm. Ein Kapitän, der das sogenannte Bayern-Gen für mich nicht in sich trägt. Überhaupt gibt es davon relativ wenige. Müller und Schweinsteiger fallen mir da als einzige ein. Und wenn dieser Wille nicht da ist, dann kannst du mit jedem System der Welt spielen und der Ball landet trotzdem ständig beim Gegner.
Ebenso verhält es sich doch derzeit beim Sportfreund Robben. Ich weit davon entfernt in das Robben-Bashing einzusteigen. Aber er schafft es nun einfach derzeit nicht das Spiel auch nur ansatzweise positiv zu beeinflussen. Seine Abschlüsse sind mittelmäßig, seine Zuspiele ebenso und die Spritzigkeit, die er vor seiner schweren Verletzung hatte, scheint er auch nicht zu besitzen. Ist das Angst vor einer erneuten Verletzung oder ist er schlicht und einfach noch nicht fit? Keine Ahnung.
Was die Transferpolitik und Herrn Ribery angeht, da hast du meine vollste Zustimmung.
20/02/2012 @ 13:26
Sprichst mir aus der Seele, sehr treffend Analysiert!
Sehe auch ein großes Problem in der Einstellung und im Willen zum Sieg der Mannschaft.
Ich allerdings Denke, dies ist die Aufgabe des Trainers, der Mannschaft dies beizubringen. Und da hat Heynckes für mich versagt, unter anderem.
20/02/2012 @ 13:26
Wille ersetzt nicht immer eine gute Taktik, aber natürlich ist eine gute Taktik ohne Will auch nichts.
ich habe den BVB und den FCB bei uns im Stadion live gesehen. Und bei den Dortmunder sah man, wie geil die auf den Ball waren, wie sie taktisch hervorragend eingestellt waren und alle willens waren, alles zu geben. Das Ergebnis: 5-1
Beim FCB fehlte meiner Meinung nach Wille und Taktik.
Aber wer will schon einem Übertrainer widersprechen.
20/02/2012 @ 14:31
Bei Ribery kommt noch hinzu, dass der am Sa öfters nach einem Ballverlust einfach stehen geblieben ist. Das darf einfach nicht sein. So konnte Freiburg dann gleich mal mit einem mehr anrennen.
Und warum man aktuell auf der Suche nach einem IV ist, ist mir auch ein Rätsel, wenn doch ein sehr guter AV viel wichtiger wäre. Boateng soll innen bleiben. Und Rafinha ist offensiv, wie auch defensiv eine Enttäuschung!
20/02/2012 @ 17:35
Muss dir in allen Punkten recht geben, vor allem deine abschließenden Worte zum immer steifen System sprechen mir aus der Seele. Zwei Sechser braucht man gegen Kaiserslautern oder Freiburg wahrlich nicht, da kann man auch mal wieder im guten alten 4-4-2 mit Raute spielen, Gomez und Olic ergänzen sich doch sicher prima da vorne. Kann einfach nicht verstehen, warum Heynckes dermaßen eingeschränkt und van-gaalisch stur aufstellt.
21/02/2012 @ 12:02
Ich wollte es zwar nicht wahrhaben und habe selbst geschrieben, dass ich keine Trainerdiskussion haben mag, aber trotzdem diskutiere ich. Auch in den anderen Blogs ist sie schon hier und da in vollem Gange. Und das auch zu Recht. Wenn in der Champions-League die größeren Kaliber kommen (und Basel wird für uns momentan schwer genug) wird Heynckes mit seinem taktischen Geschick ähnlich wie Klinsmann gegen Barcelona mächtig Baden gehen. Wie wir vom Finale in unserem Wohnzimmer träumen können ist mir schleierhaft.
Und Riberys Schwalbe: 100% Deiner Meinung. Frechheit.
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