Es war ein seltsames Fußballspiel am Samstagnachmittag. Die Bayern fertigten den wankenden Riesen, den Hamburger SV, mit 6:0 ab. Es war der bislang höchste Saisonsieg. Den Bayern reichte dafür eigentlich nur eine Halbzeit. Um das Spiel herum ist soviel passiert, so dass mir von eben dieser Begegnung eher Nebensächlichkeiten vordergründig im Hinterstübchen erscheinen, als das eigentliche Spiel selbst. Kurz und knapp würde ich sagen, dass dieses Spiel ein überragender Franck Ribery und ein wild entschlossener Arjen Robben für den FC Bayern gewonnen haben. Aber auch die Mannschaftsleistung war rundum gut.
Wir sahen die insgesamt 15. Abwehrkonstellation in dieser Saison. Das Innenverteidiger-Duo hieß van Buyten und Luiz Gustavo. Louis van Gaal spricht im Angriff gern von Kreativität. In der Verteidigung sorgt er selbst für Kreativität, zumindest was die Aufstellung anbelangt. Mit seinem fröhlichen, nicht enden wollenden Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen. Es hat funktioniert. Dieses Duo kann von sich behaupten: Immer wenn wir die Innenverteidigung bildeten, ging der FC Bayern mit einem Kantersieg und ohne Gegentor vom Platz.
Es war aber natürlich ein Sieg der Offensive. Ob van Gaal weiterhin auf die belgisch-brasilianische Abwehr setzt, ist nicht gesagt. Der HSV agierte über weite Strecken lustlos und hoffnungslos verunsichert. Einige Chancen wurden herausgespielt, führten aber zu nichts.
Das 1:0 durch Arjen Robbens Wutschuss fiel, als ich gerade über Twitter schreiben wollte, dass mir Arjen Robbens Körpersprache heute überhaupt nicht gefällt. Ich schrieb es dann trotzdem. Er mahnte an, dass er es hasst, wenn Spieler mit den Händen und den Armen sprechen und abwertende Gestiken zeigen. Etwa, wenn Robben allein den Abschluss sucht, anstatt einen gut postierten Mitspieler in Szene zu setzen. Bis zur 40. Minute machte Robben genau das, wofür er sich gegen Thomas Müller zu einer Würge-Attacke hinreißen ließ: er ruderte nach jedem misslungenen Abschluss der Kollegen wild mit den Armen und nöselte vor sich hin. Gepaart mit dem Gerücht, dass Robben bei Nichterreichen der Champions League schnell seinem Freund Mark van Bommel zum AC Mailand folgen will, entsteht da ruckzuck ein unguter Eindruck. Dieses Gerücht dementierte Robben allerdings nach dem Spiel. Im Spiel selbst, als man von diesem Dementi noch nichts wusste – und im Fußball ist trotz aller Treuebekenntnisse und Wohlfühlbekundungen ja immer alles möglich – hatte ich ein wirklich flaues Gefühl wegen dem was man an Robbens Körpersprache ablesen konnte. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Robben, der absolut weiß was er kann, ungern eine Saison nicht in der Champions League spielen will. Aber natürlich hat er einen gültigen Vertrag und natürlich habe ich diese ganzen Artikel gelesen, die ihn als bodenständigen, demütigen Zeitgenossen beschrieben haben.
Der Schickeria, der eingefleischten Ultra-Gemeinde der Bayernfans, bei der es u.a. anscheinend völlig üblich ist, über das erstandene Kartenkontingent hinaus die Südkurve zu betreten, wurde nach starker Überfüllung in den letzten Topspielen dieser Vorgehensweise ein Riegel vorgeschoben. Im Ergebnis war die Südkurve arg lückenhaft, der Support fand so gut wie nicht statt, weil die Schickeria sich als gesanglicher Vorturner versteht und sich sonst entweder niemand traut ein Liedchen anzustimmen oder weil das andere, mir vermutlich eher unverständliche Gründe hat. Ein paar Mitglieder der Schickeria versammelten sich dann – ich war nicht dabei und kann nur das wiedergeben, was via Sky durchdrang – am VIP- und Medienbereich. Ein paar Schreihälse erweckten den Eindruck, in unmittelbarer Nähe von Marcel Reif zu stehen. Es hörte sich an, als würde Reif mitten aus einer günstigen Kneipe kommentieren.
Die dort vorgeführten und größtenteils hochgradig peinlichen Parolen gegen Vorstand und natürlich Manuel Neuer waren deutlich zu hören. Auch “wir sind die Fans, die ihr nicht wollt” wurde gesungen. Auf solche Fans wird ganz bestimmt nicht jeder gesteigerten Wert legen. Mein Bild von dieser Gemeinschaft bestätigte sich. Anstatt die Mannschaft zu unterstützen, waren sie eher auf sich selbst und ihre zweifelhafte Meinungsmache konzentriert. Ich kann die Entscheidung, Fans ohne entsprechende Karte auszusperren, absolut nachvollziehen. Sollte dann mal jemand Schaden nehmen, weil es womöglich in der Kurve zu voll war, ist die Schickeria sicher ganz vorn dabei, wieder auf die Barrikaden zu gehen und den Vorstand zum Gespräch zu bitten. Als gäbe es beim FC Bayern aktuell nicht schon genug Probleme, plustert sich die Schickeria nun auch noch auf und demonstriert, dass man das sportliche Geschehen in solch einer schweren Phase ruhig mal völlig außer Acht lassen kann um eigene Eitelkeiten in den Vordergrund zu stellen. Bravo.
Der deutliche Sieg macht wieder Mut für die anstehende Partie gegen Inter Mailand. Man sollte das 6:0 zwar nicht überbewerten, man könnte ja immerhin von “mit freundlicher Unterstützung des HSV” sprechen, aber dadurch konnte man sicherlich einiges an Frust abschütteln, mit dem es bei einem weiteren Misserfolg in Serie deutlich schwerer gewesen wäre, den Hinspiel-Sieg bei Inter über das Ziel zu retten.

14/03/2011 @ 12:23
Wahre Worte zum Thema Schickeria. Klar, die Arena ist immer voll, klar, jeder will da rein. Aber es gibt eben auch sowas wie Stadionbestimmungen, um die Leute zu schützen, wenn Panik ausbricht o. Ä. Finde auch den von dir verlinkten Tweet (@siesgutesina) ziemlich daneben in der Hinsicht. Wenn voll is, is voll! Damit hat ja auch der FC Bayern nichts zu tun, das ist halt so.
Und wie du richtig schreibst: Der FCB hat im Moment genügend andere Probleme und braucht den Support der Fans. Die “Fans” von der Schickeria scheint das aber nicht zu interessieren, weil die sich lieber um sich selber kümmern. Bin gespannt, wie das weitergeht.
14/03/2011 @ 15:38
Volle Zustimmung! Auf breitnigge.de ist eine sehr enervierende Diskussion zum Thema entflammt…
14/03/2011 @ 15:49
@Ásgeir Danke für deine Zustimmung. Die Schickeria hat den Vorteil, dass sie ihre Meinung durch ihre Anwesenheit und ihre Schilder im Stadion stets publik machen kann. Hoffentlich ist die Medienabteilung des FC Bayern fit genug um zu sehen, dass die Schickeria entgegen eigener Annahme eben nicht ein Sprachrohr der Fanmehrheit darstellt, sondern – wie man hört – ihre Meinung doch recht exklusiv vertritt.