Unterhaltsam waren die Bayern immerhin in dieser Woche. Am gestrigen Donnerstag wurde auf der offiziellen Webseite die spektakuläre Verpflichtung eines Offensivspielers angekündigt. Um 14 Uhr sollte daraufhin eine Pressekonferenz stattfinden. Auf Facebook. Was einige bereits irritierte. Die Mehrheit aber wohl nicht, mich eingeschlossen. Das große Namedropping konnte also auf Twitter, Facebook und in den Foren anrollen. Von Tevez, Shaqiri, Hazard, Berbatov oder Götze war die Rede. Unter anderem. Was folgte war so ziemlich der größte Social-Media-Upfuck, den ich im Sportbereich bisher mitbekommen habe.
Die Bayern wollten am Ende einfach nur auf eine neue, fanbezogene App auf der eigenen Facebook-Seite hinweisen (“The New FCB Star”). Ein netter Nebeneffekt für den FC Bayern sind dabei schlagartig weit über 15000 neue Fans eben dieser Facebook-Seite, der in diesem Zuge der Zugriff auf das eigene Facebook-Profil und die gespeicherten Profilfotos genehmigt wurde. Wer mag, kann sich auf Youtube anschauen, wofür der FC Bayern Hohn und Spott erntete, aber viel schlimmer noch, womit der FC Bayern die eigenen Fans nach Strich und Faden verarscht hat. Nach einer ganz ernüchternden Niederlage zum Rückrundenauftakt wohlgemerkt. Nicht etwa nach einem euphorisierenden 4:0 oder so. Das wäre für sich schon diskutabel, ginge es aufgrund der grenzenlosen Peinlichkeit dieser Aktion nicht ein wenig unter.
Kaum etwas zieht die Aufmerksamkeit und das Interesse der Fans doch mehr an, als die Ankündigung eines neuen Starspielers. Dies wissend die eigenen Anhänger derart an der Nase herumzuführen, würde selbst in der Psychologiehölle nur an höchsten Feiertagen praktiziert werden können. Zurecht traf den Verein die volle Breitseite an Unverständnis und Unmut darüber. Einen leichten Imageschaden dürfte der FC Bayern dadurch wohl auch davongetragen haben. Zumindest im Web 2.0, dem Jeder-macht-mit-Web.
Den schimpfenden Bayernfans wurde – von anderen Fans – daraufhin Humorlosigkeit vorgeworfen. Die Ansicht teilt der Verein offenbar nicht, hatte er sich gestern Nachmittag immerhin noch für diese gründlich misslungene Aktion entschuldigt.
Nicht ganz zu unrecht geriet hierbei auch Christian Nerlinger erneut in die Kritik. Zwar gehören Marketing- und somit Social Media-Belange nicht zu seinem Aufgabengebiet als Sportchef und er wies auch darauf hin, die Aktion nicht eingefädelt, sondern nur ausgeführt zu haben, aber er hätte die alles andere als überraschend kommende, verärgerte Reaktion der eigenen Anhängerschaft vorhersehen können (müssen?) und diesen Quatsch rechtzeitig im Keim ersticken sollen. Das hat er verpasst, der vermeintlich profilschwache Abnicker des Vorstandes. Der Lehrlinger, oder auch der Nerd-linger.
Heute ist dann vom Trainer zu lesen, dass Grundlegendes in der Mannschaft verändert werden muss. Einige Spieler gingen die Dinge demnach zu locker an, müssten sich dabei jeden Tag aufs Neue voll reinhängen und sich nicht bloß auf die eigenen Fähigkeiten und den erreichten Status verlassen. Das ist doch ziemlich harter Tobak, bedenkt man, dass die Bayern doch gerade erst das beste Trainingslager seit Erfindung des runden Leders absolviert haben, oder nicht? Vielleicht muss sich auch der Trainer mal ein bisschen in Selbstreflexion üben und dann einfach mal einen zweiten Stürmer aufs Feld schicken, wenn früh abzusehen ist, dass Mario Gomez außer zahlreichen Abseitsläufen nichts zustande bekommt. Wie Heynckes unter der Woche schon richtig anmerkte, trägt er die Verantwortung für das, was auf dem Platz geschieht. Dann aber nur die Spieler in die Kritik zu nehmen ist doch etwas sehr einfach.
Was haben die Bayern in Katar – außer dem Austragen von Freundschaftsspielen gegen fußballerische Drittweltmannschaften – denn so getrieben, wenn im ersten richtigen, ernsthaften Spiel danach festgestellt wird, dass es mit leichten Nachjustierungen scheinbar noch lange nicht getan ist? Das gibt mir doch sehr zu denken.
Da die Bayern in ihrer Außendarstellung dieser Tage meiner Meinung nach doch eher mehr falsch machen, als richtig, ist es prima, dass am morgigen Samstag der Ball wieder rollt. An Facebook wird ab 15:30 Uhr dann keiner mehr denken. Entscheidend ist dann auf’m Platz.

27/01/2012 @ 16:19
Auf den ersten, oberflächlichen Blick gebe ich dir natürlich Recht: Das war ein großer Social-Media-Upfuck!
Auf den zweiten Blick muss ich dir aber auch Wiedersprechen, denn die Aktion hat grundsätzlich das erreicht, was sie sollte: 1) Mehr Fans bei Facebook 2) Mediale Aufmerksamkeit 3) Emotionen bei den Fans auslösen
Wäre der 1. April in die Transferperiode gefallen, wäre es wohl das Highlight der April April Scherze geworden.
So bleibt nur festzustellen, dass Facebook User jeden Quatsch, jede Verarsche und jeden Unsinn nur allzu gerne teilen, doch wenn sie selber mal auf den Arm genommen werden, aber absolut keinen Spaß verstehen. Um es mal auf internetisch auszudrücken: Mimimimimimmimimimi!
Wer sich mit Social Media und dem Verhalten von Usern im Internet auskennt, der weiß, dass negatives Feedack immer lauter ist als positives. Wer darin ein PR/Social Media Disaster sieht, hat die Welt, in der er lebt, noch nicht richtig verstanden.
Ich bin mir sicher, dass auch die “Macher” dieser Aktion absolut bewusst war, dass es ein riesiges negatives Feedback geben wird und auch schon den Text für die Entschuldigung in der Tasche hatten, bevor das Ganze überhaupt gestartet ist.
Das Problem: Es wird Leuten wie Uli Hoeness schwer zu erklären sein, warum die Aktion dennoch ein (Teil)Erfolg war. Immerhin haben sie es geschafft, zahlreiche Journalisten an die Geschäftsstelle zu locken und schon bevor die Aktion gestartet ist, alle Medienportale an der Nase herum zu führen. “Chapeau!” sag ich da.
Schaut man sich die Kommentare in diesem Entschuldigungs-Post an, dann merkt man, dass die Reaktionen doch meist übertrieben waren und viele User sich für die erste, emotionale Reaktion entschuldigt haben.
Und wie ich bei mir im Blogpost schon geschrieben habe: Auch ein Shitstorm sorgt für Wirbel!
http://blogundweiss.de/2012/01/26/bayern-verpflichtet-s-hitstorm/
27/01/2012 @ 16:33
Danke für deinen ausführlichen Kommentar, Tobi!
Vielleicht hat die Aktion für den FCB wirklich etwas Gutes gehabt. Auch schlechte PR ist PR und so. Ich sehe allerdings nicht viel davon (Bin jedoch auch kein geschulter Experte auf dem Gebiet). Was mich aber stört: Nach einer Niederlage, die Verein und allen Fans bitter weh getan hat, kündigt man hoffnungsvoll (spektakuläre) Verstärkung an, nur um dann so einen erbärmlichen Rohrkrepierer loszulassen?!
Mehr Fans auf Facebook, Aufmerksamkeit erregen und Emotionen hervorrufen – schön und gut, aber bitte nicht mit derartiger Vorspiegelung falscher Tatsachen. Meinetwegen hätte man eine Revolution beim FC Bayern ankündigen können, dass sich für die Fans ab jetzt alles um 180° ändert oder weiß der Fuchs was, aber doch nicht einen neuen Offensiv-Spieler ankündigen, der obendrein sogar dringend benötigt würde, aber eigentlich gar nicht kommt.
27/01/2012 @ 17:10
Ihr benötigt dringend einen Offensiv-Spieler? Ich hör ja wohl nicht recht! Das ist jetzt aber mal wirklich Jammern auf hohem Niveau. Kein Spieler, der auf dem Markt, bezahlbar und für die CL spielberechtigt ist, hat zum FC Bayern gepasst.
Ihr Bayern-Fans seid ja Rekordmeister darin, nach einer Niederlage direkt wieder alles schwarz zu sehen und das hat man an dieser Aktion – und auch an deiner Reaktion auf meinen Kommentar – auch gemerkt.
Und da gebe ich dir Recht: Das hätten die Verantwortlichen wissen müssen, um das Ganze evtl. anders zu verpacken.
Ich bleibe dabei: für mich bleibt es eine Aktion, die ihren gewünschten Effekt hatte, denn wer sich mehr als nur kurz darüber aufregt, dass er an der Nase herum geführt wurde und sogar erwägt, seine Vereinsmitgliedschaft zu beenden (solche Kommentare habe ich gelesen!), der kann diesem Verein nicht Nahe stehen und ist absolut verzichtbar.
Im Endeffekt läuft es doch meistens so ab: Man ist voller Erwartungen, ist enttäuscht, macht sich darüber in CAPTAIN CAPSLOCK MANIER Luft, teilt das am Besten noch seinen Facebook Freunden mit, merkt dann, dass das Ganze ja doch irgendwie komisch war und fängt an – meist im Stillen – sich dafür zu schämen, was man da gerade für einen Bullshit über den Verein geschrieben hat, dem man eigentlich nahe steht. Die Leute mit Rückrad entschuldigen sich dann noch kurz, der Rest bleibt still oder redet mit seinen Freunden darüber.
27/01/2012 @ 17:31
Warum denn jetzt so bissig? Ich fand diese Aktion entgegen deiner Einschätzung, wie es am Ende doch meistens verläuft, eben nicht komisch. Ich fand sie peinlich und in der Sache verfehlt, weil der Teaser und das Ergebnis nicht ansatzweise zueinander passten. Und wenn ich diese Meinung habe, kann ich darüber im eigenen Blog doch auch schreiben. Ich kann das aber ebenso kurze Zeit später wieder vergessen. Mir ist das Sportliche dann doch wichtiger, als die Vermarktung im Internet.
Selbstverständlich benötigen wir noch einen Offensivspieler. Wenn es in der Champions League, wie auch in der Liga, allmählich ans Eingemachte geht, möchte niemand auf Gomez verzichten, ohne annähernd Ersatz zu haben, der diesen Ausfall kompensieren kann. Davon ist Petersen weit entfernt, was auch das Natürlichste der Welt ist und Olic ist eher ein Läufer, als ein Vollstrecker. Ganz davon zu schweigen, dass es mit dem jetzigen Kader unmöglich ist, einen Ribery-Ausfall auch nur irgendwie ausgleichen zu können. Im Vergleich zu anderen Offensivreihen mag das nach Luxusproblem klingen, aber es geht hierbei nun mal um einen Verein, der das interessanterweise nicht grundlegend anders sieht und der sich diesen Luxus völlig bedenkenlos leisten könnte.
Warum ausgerechnet die Bayernfans Meister im Schwarzweißdenken sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Ich mache als das wenn überhaupt eher die Bremer Fraktion aus. Und ich selbst halte mich obendrein dann doch für einen eher entspannten Fan, was dieser Blog hier hoffentlich zur Bekräftigung meiner Einschätzung dokumentiert.
27/01/2012 @ 17:40
Sorry, aber allzu bissig sollte das nicht klingen. Ihr könnt mit diesem Kader sowohl Meister werden, als auch die Champions League gewinnen. Um zweiteres zu erreichen, muss alles klappen. Das ist aber bei allen Klubs der Fall. Mit Ausnahme von Barcelona. Die brauchen zusätzlich “nur” ein wenig Glück.
Verstärkungen kann man immer gebrauchen und ob Petersen nicht auch die Knipserfähigkeiten eines Gomez hat, das wissen wir alle nicht. Denn gerade als einzige Spitze brauchst du Spielpraxis. Sollte sich Gomez verletzen, dann muss man das Risiko halt eingehen und auf Petersen/Olic setzen.
Der Fehler, keinen zweiten Topstümer verpflichtet zu haben – wenn es denn einer ist/war – wurde im Sommer gemacht. Diesen im Winter auszugleichen ist quasi unmöglich, weil alle Spieler, die in Frage kommen, nicht für die CL spielberechtigt sind. Die Ausnahme wäre Cisse gewesen. Da schien von Bayern Seite allerdings kein Interesse mehr bestanden zu haben, sonst wäre er nicht für knapp 10 Millionen nach England gegangen, sondern für 12 zu euch.
Das mit dem Schwarzsehen habe ich auch nicht explizit auf dich, sondern generell auf Bayernfans bezogen. Ist aber auch nur mein subjektiver Eindruck. Mehr aber auch nicht.
Also: Nix für Ungut!