Kollektives Großeaugenmachen war heute Mittag angesagt, als völlig unvermittelt zu lesen war, dass sich der FC Bayern von Sportdirektor Christian Nerlinger getrennt hat und ihn durch dessen Amtskollegen beim DFB, Matthias Sammer, ersetzt. Sammer wird nicht nur Nerlingers Aufgaben als Sportdirektor übernehmen, als »Vorstand für Lizenzspielerangelegenheiten« rückt der gebürtige Dresdner sogleich in die Führungsriege des FC Bayern. Ein paar unsortierte Gedanken dazu.
Die beiden titellosen Spielzeiten 2010/2011 und 2011/2012 sollen laut Presseerklärung nicht der Grund für die Trennung gewesen sein. Vielmehr waren
»unterschiedliche Auffassungen über das Konzept für die Zukunft der Mannschaft«
ausschlaggebend für diesen so überraschenden Wechsel der sportlichen Leitung. Darunter kann man sich vieles und gar nichts vorstellen. Es ist eine beliebte Floskel um eine (geschäftliche) Trennung auszuformulieren. Bislang konnte man eigentlich davon ausgehen, Nerlinger säße bombenfest im Sattel, der Aufstieg in den Vorstand schien nur eine Frage der Zeit. Erste Risse soll das Verhältnis, vornehmlich zwischen Uli Hoeneß und Nerlinger, aber schon erfahren haben, als Louis van Gaal als Trainer der Bayern schon lange in der Kritik stand und Nerlinger an diesem viel länger festhielt, als es Hoeneß lieb gewesen ist. Bei dem Versuch, intern eigene Vorstellungen durchzubringen, die eigene Position gegenüber Hoeneß zu stärken, begann Nerlinger also sein eigenes Grab zu schaufeln. Typisch Bayernführung – das hätte entweder Nerlinger besser wissen müssen, oder man stellte ihm Kompetenzen in Aussicht, die man ihm tatsächlich dann aber nicht zusprach.
Obwohl Nerlinger sich stets selbstsicher und gerne angriffslustig gab und durch diverse Provokationen versuchte, sein Profil zu schärfen, hatte man von außen betrachtet selten das Gefühl, dass ihm das denn auch gelingen würde. Man fühlte sich in Sachen Außendarstellung und Rhetorik dem allgemeinen anfänglichen Eindruck bestätigt, Nerlinger sei ein Mitläufer, die zu Beginn fies unterstellte Marionette des aus dem Tagesgeschäft zurückgetrenen Uli Hoeneß. Obwohl ich mich dieser Eindrücke nicht freisprechen kann und in Nerlinger häufig nicht die Idealbesetzung als “Stimme der Mannschaft” sah, war ich zuletzt beeindruckt von den Transferaktivitäten des FC Bayern, die ich ganz automatisch mit Christian Nerlinger in Verbindung brachte. Auch wenn es kein Geheimnis ist, dass zum Beispiel Manuel Neuer hauptsächlich von Hoeneß und Rummenigge überzeugt worden ist, und der Gustavo-Deal zwischen Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge lanciert wurde, nahm ich zuletzt an, die Kaderplanung würde inzwischen Nerlinger federführend vorantreiben. Ich lobte Nerlinger hier für einen vernünftigen Weg, statt einem aktionistischen. Ich war angetan von den jüngsten Transfers und den damit verbundenen Qualitätssprüngen wenn man Ab- und Zugänge gegenüberstellt. Inzwischen aber frage ich mich: Welchen Anteil mag Nerlinger an den Transfers von Tom Starke, Claudio Pizarro, Xherdan Shaqiri, Dante oder eben Mario Mandzukic überhaupt noch gehabt haben? So behauptet »Eurosport«-Fußballchef Daniel Rathjen bei Twitter:
Nach meinen Infos wurde #Nerlinger bei den aktuellen Transfers (Mandzukic, Starke, Dante und evtl. Martinez) kaum mehr einbezogen. #fcb
— Daniel Rathjen (@DanielRathjen) Juli 2, 2012
Wie dem auch sei – viel aussagen würde das alles nichts. Man könnte zum einen unterstellen, dass Nerlinger in seiner Rolle verzichtbar ist/war, wenn derartige Vorgänge ohne den Sportdirektor beschlossen werden, andererseits könnte man loben, dass der Verein einen Ausfall eines Funktionärs kurzfristig abfangen kann. Und dass Hoeneß in den Jahren abseits des Manager-Postens Grundlegendes verlernt hat, darf man getrost bezweifeln. Wie der Presseerklärung zu entnehmen ist, steht das Aus Nerlingers ja schon mindestens seit Ende der abgelaufenen Saison fest. Aus Gründen des Respekts hat man die EM abgewartet, ehe man Nägel mit Köpfen macht, da es mit Matthias Sammer ja immerhin einen hohen Funktionär des DFB direkt betrifft und es sicherlich Unruhe innerhalb des Deutschen Fußballbundes gegeben hätte, wenn der Sportdirektor vor oder während einer Europameisterschaft die Segel streicht um sich dem FC Bayern anzuschließen. Und sicher wäre das für viele sonst auch zweifelsohne der Hauptgrund für das Ausscheiden gegen Italien gewesen.
Auf die neue Ära mit Matthias Sammer bin ich sehr gespannt. Auch wenn viele Fußballfans seiner sich oft wiederholenden Ansichten und Aussagen (wer sich mal richtig einen genehmigen möchte, der sollte mal bei einem Sammer-Gespräch jedes Mal einen Kurzen kippen, wenn das Wort “Tugend” fällt…) als Sky-Experte inzwischen ein wenig überdrüssig sind, so ist er doch absolut ein Mann vom Fach und kann dem FC Bayern, der als Verein gewiss nicht nur auf dem Platz Fehler macht, nur gut tun. Hoffentlich lässt man ihm die Kompetenzen, die ihm nicht nur in seiner Funktion, sondern auch mit all seiner Erfahrung zustehen. Sollte Sammer dann tatsächlich derjenige sein, der im Verein wirklich mal grundlegend anpacken soll, und Rummenigge und Hoeneß ein bisschen Macht abnehmen, dann dürfte man den exakt richtigen dafür gefunden haben.
Alles Gute selbstverständlich für Christian Nerlinger, der gewiss kein schlechter ist, aber als Quereinsteiger die Fußstapfen von Uli Hoeneß nicht so richtig füllen konnte.

04/07/2012 @ 11:32
Ich stimme dir vollkommen zu. Wobei ich eigentlich gedacht hatte, dass Hoeneß gerade eben solch einen Mitläufer-Nerlinger haben will! Einen, den er steuern kann. Aber wahrscheinlich geht die Rechnung nur so lange auf, wie sich auch der Erfolg ablesen lässt. Insofern logische Konsequenz: Rauswurf.
Ich kenne Sammer nicht wirklich gut als Sky-Experte und überhaupt liegen die meisten Erinnerungen an ihn in meiner späten Kindheit. Aber ich denke auch, dass er ein guter Mann ist, auch wenn er beim DFB oft etwas zu steif wirkte… Ein guter Fußballer war er allemal!
30/07/2012 @ 12:08
Gelungener Artikel der die Sache auf den Punkt bringt!
Uli Hoeneß meinte vor ein paar Tagen eh, dass Nerlinger selbst beim Gewinn der Meisterschaft “weg” gewesen wäre.
Gruß Florian