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Meisterschaft überraschend wieder offen

Bis zum einschließlich neunten Spieltag war der FC Bayern, wenn auch noch nicht rechnerisch endgültig besiegelt, schon so gut wie sicher neuer Deutscher Meister. Diese Bayern würde aus der Liga niemand mehr stoppen können, mit ganz viel Pech fangen sie sich womöglich und wenn alles schiefgeht auch nochmal ein Gegentor ein. Aber verlieren? Nahezu ausgeschlossen. Kantersiege am Stück wurden erwartet, die verbleibenden 17 Vereine sollten in diesem Jahr mit der Vizemeisterschaft ihren ganz eigenen Wettbewerb austragen.

So weit in etwa die Prognosen nach neun gespielten Ligapartien. Schon einen Spieltag weiter sieht die Welt ganz anders aus. Die Konkurrenten können aufatmen, die Bayern – das weiß man ewige Wochen nach der Auftaktpleite wieder – sind nicht unschlagbar. Auch diese gehobene, allgegenwärtige Souveränität umgab den FC Bayern an diesem Wochenende nicht. Jerome Boateng flog in der ersten Hälfte bei Rückstand mit Rot vom Platz, nachdem er Christian Schulz während einer Spielunterbrechung am Seitenrand einen Stoß in die Brust beifügte. Ist doch auch völlig wurst, ob Schulz zuvor geschubst hat oder nicht: Man muss sich da im Griff haben, man muss einfach auch verlieren können, was sich zu dem Zeitpunkt vielleicht schon ein wenig abzeichnete. So ruhig und besonnen Boateng meistens wirkt, so ganz arg überraschend kommt ein solcher Aussetzer für mich nicht.

Das Urteil steht zu diesem Zeitpunkt noch aus, ich halte zwei Spiele Sperre für realistisch und angebracht. Das Spiel hat vorab aber schon Philipp Lahm hergeschenkt. Ein so dummes Foul im eigenen Strafraum habe ich von Lahm noch nie gesehen. Der anschließende Elfmeter wurde souverän versenkt und die Minutenzählerei um den Zu-Null-Rekord in Entstehung hat damit ein selbstverschuldetes Ende gefunden. Meinetwegen muss der angesprochene Rekord in dieser Saison auch gar nicht geknackt werden, aber man stelle sich nur vor, man würde daran noch ein, zwei Mal kratzen…

Insgesamt war das Spiel schön anzusehen, wenn auch eher vom Unterhaltungsfaktor her, als vom spielerischen. Es war hitzig, spannend und teilweise gut. Ob mit Hannover die bessere Mannschaft gewonnen hat, darf sicherlich angezweifelt werden, aber dass die Bayern völlig zu Unrecht verloren haben kann man auch wieder nicht sagen. Ein Remis wäre dem Spiel wohl noch am ehesten gerecht geworden, aber dazu hätten die Bayern nun mal ebenso viele Tore erzielen müssen wie der Gegner. Leider arbeiteten die Münchner zu spät an diesem Vorhaben, so dass am Ende einfach die Zeit nicht mehr reichte. Mario Gomez hat sich erneut einen Spaß daraus gemacht, die Zuschauer bei schlechter Leistung noch mit zehntausenden Abseitsstellungen zu necken. Auch mit Bastian Schweinsteiger war nix los, abenteuerliche Fehlpässe in Hülle und Fülle. Er fiel insgesamt gestern eher total aus, was sich in seiner Funktion dann schnell auf die gesamte Mannschaft auswirkt. In der Summe spielten die meisten eher schlecht, denn recht, was dann schon mal zu einer Niederlage führt.

Ich muss auch sagen, dass mir Schiedsrichter Manuel Gräfe ausgezeichnet gefallen hat. Er hatte das Spiel im Griff, strahlte Ruhe aus und lag mit allen Entscheidungen richtig. Hätten er oder seine Assistenten den Schubser von Christian Schulz vor dem Boateng-Rot gesehen, wäre er bestimmt auch geahndet worden. Man kann aber eben nicht immer alles sehen, in einer Rudelbildung schon gleich gar nicht. Anstatt sich über Dinge zu ärgern, die mit Sicherheit nicht unmittelbar zur Niederlage geführt haben, sollte man einfach mal anerkennen, dass Hannover 96 gestern Abend schlicht und ergreifend effektiver war. Mit leicht mehr als halb so vielen Chancen (11:18) wie die Bayern haben die Gastgeber doppelt so viele Tore erzielt. Das können sich die Bayern in erster Linie ans eigene Revers heften.

In dieser Woche lief es einfach nicht für den FC Bayern. Aber schon am Mittwoch im DFB Pokal kann fröhliche Wiedergutmachung betrieben werden. Gegen den FC Ingolstadt sollte die Qualifikation fürs Achtelfinale Formsache sein.



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3 Kommentare

  1. “Hätten er oder seine Assistenten den Schubser von Christian Schulz vor
    dem Boateng-Rot gesehen, wäre er bestimmt auch geahndet worden.”

    Wofür hat er denn gelb gesehen? das ist doch da unverständliche an der Szene, natürlich wurde da der Schubser geahndet und das eben mit einem anderen Strafmaß

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    • Völlig angebrachter Kritikpunkt. Ich hätte es besser ausführen müssen. Ich denke nämlich, dass der Schubser von Schulz in dem Moment weitestgehend unbemerkt blieb und die gelbe Karte eine Verlegenheitstat war, nach Zureden oder wie auch immer. Ich finde davon ab aber nicht, dass man diesen Schubser auch mit Rot hätte bewerten müssen. Wenn Gräfe oder sein Team den Schubser von Schulz gesehen haben, kann man ihn ruhigen Gewissens mit Gelb ahnden und Boateng trotzdem vom Platz stellen. Dieses leichte Schubsen sieht man bei jeder Standardsituation im Strafraum. Der Stoß (!) von Boateng hingegen ist eine glatte Tätlichkeit. 

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  2. Sehr wohltuend nüchtern, sachlich, realistisch deine Einschätzung. Da kann sich beinahe die ganze Bayern-Blogosphäre eine Scheibe von abschneiden.

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