Vor dem Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg, der mit fünf Siegen bei vier Niederlagen auf Rang sieben der Tabelle steht und drei Zähler mehr hat, als die Bayern, ist ein ganz anderes Thema das dominierende im Moment. Wird Bastian Schweinsteiger seinen 2012 auslaufenden Vertrag verlängern, oder ist der Reiz der Auslandserfahrung zu groß? An Auswahl würde es ihm nicht mangeln. Wem Angebote von Manchester United, dem FC Chelsea, Real Madrid und Inter Mailand vorliegen werden, dem wird man beim FC Bayern nicht nur ein verbessertes Gehalt anbieten können.
Während ich diese Zeilen schreibe, finde ich es komisch, überhaupt einen ganzen Eintrag über Bastian Schweinsteiger zu schreiben. Vor zwei Jahren wäre ich froh gewesen, wenn man Schweinsteiger für zehn Millionen irgendwie hätte abgeben können, heute hat sich das Blatt komplett gewendet. Nicht nur seine echt bemerkenswerte Leistungsexplosion auf neuer Spielfeldposition im Zentrum, auch sein ganzes Auftreten macht ihn sympathischer. Weg mit diesem Bravo-Sport-Celebrity-Super-Schweini-Geili-Gehabe, her mit einem seriösen, ernstzunehmenden Bastian Schweinsteiger, der elegant und durchdacht daher kommt und schon deswegen für eine ganz andere Wahrnehmung sorgt. Einem solchen Schweinsteiger muss man mit gezielten, meinetwegen auch teuren Verstärkungen, die man zwar auch Franck Ribery mehrfach versprochen hat, und außer Robben bislang wenig kam, und mit der Kapitänsbinde, dazu gleich mehr, unbedingt die Verlängerung lukrativ machen.
Ich gehe davon aus, dass Schweinsteiger noch nicht am Limit ist. Wie bitter wäre es, wenn eines der beiden Bayern-Kronjuwelen, wie Christian Nerlinger Schweinsteiger und Lahm gern bezeichnet, dann nach einer vielleicht zu 70% durchwachsenen Zeit beim FC Bayern ausgerechnet inmitten der schon angesprochenen Leistungsexplosion ins Ausland geht und da womöglich noch einen weiteren Schub bekommt? Es wäre unverzeihlich. Schweinsteiger kann einen Michael Ballack vom Ansehen des deutschen Gardefußballers mit großer internationaler Wertschätzung komplett vergessen machen. Sechs gute Jahre hat Schweinsteiger immerhin noch vor sich. Dass muss man sich mal vorstellen bei einem 26-jährigen mit über 80 Länderspielen. Wo soll das enden? Matthäus wird schon heute um seinen Rekord bangen.
Man möge Schweinsteiger in der nächsten Saison zum Captain befördern und ihm auf diesem Weg Vertrauen und hohes Ansehen beweisen. Die Kapitänsbinde könnte ein schlagkräftiges Argument pro Vertragsverlängerung sein, nehme ich an. Kann doch für einen Ur-Bayern fast nichts schöneres geben, als im optimalen Fußballeralter zum Kapitän des eigenen Vereins, einer Herzensangelegenheit, aufzusteigen. Die im Sommer 2009 getroffene Hierarchie van Bommel > Lahm > Schweinsteiger war im letzten Jahr völlig okay. Heute aber ist Schweinsteiger Dank Louis van Gaal zum Chef aufgestiegen, auf dem Platz wie außerhalb. Lahm ist eher außerhalb ein Kapitän. Gerade in dieser Saison findet er eher den Weg zum aufzeichnenden Diktiergerät diverser Pressevertreter, als den Weg zur spielerischen Genialität, die er seit langer Zeit erstmals konstant vermissen lässt. Das Austeilen von allgemeiner Kritik – zuletzt immerhin auch Selbstkritik – klappte trotzdem in dieser Saison sehr gut bei Lahm. Es ist also an der Zeit, nach Mark van Bommel mit Schweinsteiger weiterzumachen. Seine Rolle auf dem Feld ist ohnehin die ideale für einen Kapitän. Torhüter, Verteidiger und Angreifer eignen sich für gewöhnlich (Ausnahmen können zum Beispiel Oliver Kahn heißen) nicht so gut wie ein Spieler, der ohnehin Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft ist.
Die Bayern bereiten die Vorstellung ihrer Interessen, was die Ausdehnung des Vertrags betrifft, so langsam vor, in dem sie aus dem Schwärmen für Schweinsteiger nicht mehr raus kommen und in zahlreichen Interviews stets bekräftigen, wie wichtig er ist und wie schön es wäre, wenn er es auch bliebe.
Ich kann mich dem anschließen. Auch wenn er bislang keine überragende Saison spielte (und trotzdem das ein oder andere wichtige Spiel entschied), so wird er mit dem kollektiven Aufschwung der Mannschaft, der bald kommen muss und kommen wird, ebenfalls wieder herausragende Leistungen zeigen. Die Liga kann sich dann auf was gefasst machen. Bekanntlich wuchs Schweinsteiger während Vertragsverhandlungen auf dem Feld noch immer über sich hinaus. Wie das heutzutage aussieht, wo er ohnehin schon grandios spielt, da bin ich mehr als gespannt. Möglicherweise verdrehen ihm die Millionenofferten anderer Vereine aber auch ein wenig den Kopf. Ich traue ihm aber zu, dass er die Dinge sachlich angehen wird und am Ende die richtige Entscheidung treffen wird. Und wenn dabei ein Wechsel ins Ausland zustande kommt, dann steht ihm das auch zu. Verübeln kann man es ihm nicht. Er kann aber schon jetzt davon ausgehen, dass er auf der anstehenden Jahreshauptversammlung das komplette Gegenteil erleben wird, von dem was ihm im letzten Jahr so sehr verletzte. Sie haben sich gemacht, Herr Schweinsteiger, und das weiß ein jeder Bayernanhänger absolut zu schätzen.

29/10/2010 @ 11:10
Also ob Schweinsteiger nun wirklich “elegant” daherkommt, will ich mal unkommentiert lassen – aber er hat sich enorm entwickelt (das Negativbeispiel zu ihm ist wohl LP aus K.). Was er kann, sah man bei der letzten WM – wenngleich er diese Form derzeit noch nicht wieder erreicht hat. Keine Frage, er ist für das System des FCB und als zukünftiger “Chef” eine ganz wichtige Personalie für den Klub. Die Bayern müssen sich das a) was kosten lassen b) und die Kapitänsbinde ist dann nicht nur folgerichtig, sondern auch ein deutliches Signal.
Aus Schweinsteigers Sicht muss ihn ein Auslandswechsel natürlich reizen (vor allem wenn man sieht, wie gut das derzeit bei Özil klappt).Es wird ein hartes Stück Arbeit für die Bayern diesen Mann weiter zu halten – vielleicht wäre c) der ein- oder andere Top-Transfer Ende 2010/2011 ein weiteres Argument für einen Verbleib. Es ist zu hoffen.
29/10/2010 @ 11:49
Schweinsteiger ist sicher einer der wichtigsten Personalien in der nächsten Zeit. Der Verein hat es in der Hand – und auf dem Festgeldkonto.
29/10/2010 @ 17:21
Ich würd gern irgendwas mit Substanz schreiben, aber was soll ich sagen? Dass es mir das Herz brechen würde, wenn er nach England, oder – der Himmel steh uns bei – Spanien gehen würde? Natürlich.
Ansonsten fand ich ihn früher gar nicht sooo Bravo-Sport-Like sondern eher angenehm authentisch. Dass eine leichte Selbstüberschätzung und Spaß an der ganzen Aufmerksamkeit auch authentisch sein kann haben wohl viele nie kapiert.
Er hat seltsamerweise immer polarisiert, aber sonst hätte er heute nicht diese mentale Stärke.
Das formidable Duo van-Gaal und Schweinsteiger sollte dem FC Bayern möglichst lange erhalten bleiben. Es könnten sehr prägende Jahre werden.