Nach der sechsten Niederlage in der Meisterschaft können die Bayern ihre Ziele in der Liga neu definieren. Um den Titel spielen sie nicht mehr. Dies wird zwar rechnerisch noch ein Weilchen möglich bleiben, erschien unabhängig zahlreicher einfallslosen Vorstellungen in der Rückrunde aber schon bei vier Punkten Rückstand fraglich. Nun aber, bei inzwischen sieben Zählern hinter Borussia Dortmund muss man doch sehr von Optimismus getrieben sein, wenn man sich diesbezüglich immer noch Chancen ausmalt. Zumal die Dortmunder auch nicht so den Eindruck erwecken, als dass sie noch von einer sportlichen Krise größeren Ausmaßes heimgesucht würden. Im Gegenteil: Der BVB gewann nun acht Spiele am Stück, ist seit sage und schreibe 18 Spielen ungeschlagen. Nach den ersten sechs Spieltagen hatte Bayern übrigens einen Vorsprung von acht Punkten auf Dortmund. Man stelle sich nur mal vor, die Dortmunder hätten einen besseren Saisonstart erwischt…
Der einzige Trost dabei ist, dass sich die Bayern diesen Mist selbst eingebrockt haben. Lieber ärgere ich mich über die eigene Mannschaft, den Trainer, oder, in ganz aussichtslosen Phasen, über den Vorstand, als wenn gravierende Fehlentscheidungen oder außergewöhnliches Pech zu einer vielleicht unverdienten Tabellenkonstellation führten. So kann ich auch am zweiten Tag danach immer noch nicht begreifen, wie Abwehrspieler im eigenen Strafraum gänzlich den Spielbetrieb einstellen, weil ihrer Ansicht nach ein Pfiff ertönen müsste. Das kann doch nicht wahr sein. Ein Spieler hat einen Angriff bis zum Ende abzuwehren, zumal nicht er für die objektive Einschätzung der Lage zuständig ist, sondern einzig und allein das Schiedsrichtergespann, das seine Entscheidungen auch kaum davon abhängig macht, ob ein Fußballmillionär in einer kniffligen Situation seinen Arm hebt oder nicht. Von fighting spirit oder Ehrgeiz konnte man bei Rafinha und Jerome Boateng hier absolut nichts erkennen. Ich würde es begrüßen, wenn diese Szene intern nicht ohne Konsequenz bliebe. In dem Zuge könnte man auch Rafinha für mangelnde Fairness belangen, der bei Foul gegen sich schon im Fall bettelnd zum Schiri blickte und sich so lange künstlich das Gesicht hält, bis die gelbe Karte gezückt ist. Das ist erbärmlich, das hat der FC Bayern nicht nötig und das will dort keiner sehen. Das ist alles andere als professionell und gibt gerade in dieser Phase der Saison ein erschreckendes Bild ab.
Das tun derzeit leider auch wieder einige Fans, die sich in der Südkurve der Allianz-Arena heimisch fühlen und ihr eigenes Wohl wiederholt über das des Vereins stellen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die einstige “Koan Neuer”-Fraktion jetzt zu allem Überfluss eine Torwart-Diskussion loszutreten versucht. Es verwundert nicht, wenn man dann im Internet sogar liest, jene Bayernfans würden sich über eine Niederlage des eigenen Vereins freuen, wenn diese denn vom ungeliebten Torhüter verschuldet würde. Ein Armutszeugnis. Ohne Manuel Neuer hätte das Spiel in der zweiten Hälfte gut und gerne mit vier, fünf Toren Unterschied ausfallen können. Insofern ist es umso schöner zu sehen, dass diese Fans, die man am liebsten in Anführungsstriche setzen möchte und denen es zu allererst um sich selbst geht, mit ihren Kinkerlitzchen überhaupt nichts erreichen. Manuel Neuer ist für eine Ära verpflichtet worden, den werden diese Experten, die nach wie vor lieber Thomas Kraft im Kasten sähen, dabei zwar nicht wissen, ob der überhaupt die Klasse dazu hätte, aber immerhin ein “Roter” durch und durch ist (einer von ihnen!!!), nicht nach einer Saison aus der Mannschaft buhen können.
Ich lege mich inzwischen hingegen fest, dass Jupp Heynckes nicht mehr der richtige Trainer für die Bayern ist. Sich permanent gegen (sinnvolle) Transfers zu verschließen kann von eigener Klasse zeugen – wenn es gut geht. Das tut es in diesem Falle aber ganz und gar nicht. Die Abwehr ist nach wie vor ein einziges Dilemma, im Mittelfeld kann Schweinsteiger nicht ersetzt werden und wenn Mario Gomez stundenlang das Tor nicht trifft, gibt es zu ihm auch keine echte Alternative. Ein Weltstar wie Robben wird wochenlang vergrault und verunsichert und dann 60 Minuten ohne Not falsch aufgestellt. Das verstehe wer will, ich tue es nicht. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir Xherdan Shaqiri ab Sommer ja auch regelmäßiger als bislang vermutet.
Ich glaube, dass Jupp Heynckes nicht mehr in der Lage ist, das Maximum aus dieser Mannschaft herauszuholen. Wie oft hatte man in dieser Saison schon das Gefühl, dass die Mannschaft in einem guten Spiel komplett wie von selbst funktioniert, in einem schlechten Spiel aber überhaupt nicht? Und genau dann wäre es am Trainer, nochmal eine neue Idee umzusetzen, ein Ass aus dem Ärmel zu schütteln. Absolute Fehlanzeige bei Heynckes, dessen größte Überraschung in der laufenden Rückrunde war, Olic und Petersen mal gleichzeitig aufzubieten. Wahrscheinlich muss die Saison aber erst komplett vergeigt werden, bevor es in München ans Eingemachte geht. Unter Garantie wäre jeder andere Trainer, der keine tiefe Freundschaft zum Vereinspräsidenten pflegt, bei zahlreichen so deprimierenden Vorstellungen schon längst gefeuert worden. Wie lange will man sich denn noch mit ansehen, dass das Potential dieses Kaders, besser gesagt, dieser ersten zwölf, dreizehn Spieler, dermaßen verschenkt wird und der BVB bald von Spieltag zu Spieltag weiter aus dem Blickfeld verschwindet?
Lieber Fußballgott, bitte schenke dem FC Bayern nach der Europameisterschaft Joachim Löw als Trainer.
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05/03/2012 @ 14:40
Der abschließenden Bitte schließe ich mich aus ganzem Herzen an.
05/03/2012 @ 14:53
Mit der Bitte am Ende muss ich noch mal nachdenken ob ich damit klar komme, habe ehrlich gesagt soweit noch gar nicht gedacht. ;-)
Aber dein Text generell spricht mir aus der Seele. Alleine wie Leverkusen sein erstes Tor gemacht hat. Der Ball wurde nie aufgegeben und gerade noch so für Kiesling wieder reingebracht. Solch Einsatz einem ball hinterher zu rennen konnte man zuletzt beim FCB nur (in guten Tagen) bei Franck Ribery sehen. Alle anderen würden schon lange auf dem Boden liegen und nach Foul rufen.
Ich hoffe das ändert sich bald wieder… das wäre meine erste Bitte. *g*
05/03/2012 @ 14:54
Die Robben-Passage erschließt sich mir nicht.
Falsche Seite? Und das nach den letzten Spielen und einer, normalerweise, sowieso vorhandenen Rotation der Offensivreihe? Die Idee war eigentlich gut…
In den restlichen Punkten bin ich ganz bei dir.
05/03/2012 @ 15:39
@misanmia Obwohl Robben am Samstag eigentlich ganz gut aufgelegt war, sah man ihm an, dass er sich auf der ungewohnten linken Seite nicht besonders wohlfühlte. Jetzt kann man natürlich sagen, dass so ein Bundesligaspiel keine Wellness-Veranstaltung ist und man dort zu spielen hat, wo es der Trainer vorsieht. Aber, Heynckes ohnehin schon gescheitert sehend, kommt es mir doch vor wie stures Machtgehabe. Müller dürfte ein Stückchen flexibler sein als Robben, man hätte Müller ohne Probleme links spielen lassen können und Robben eben rechts. Aber der konnte wahrscheinlich froh sein, überhaupt mitspielen zu dürfen…
Generell habe ich auch überhaupt nichts dagegen, wenn die Offensiven häufig rochieren um die Gegner vielleicht dadurch in Verlegenheit zu bringen. Aber das sollte für Überraschung und Verwirrung sorgen und nicht so gezwungen wirken.