Es hätte ein wirklich hoffnungsvoller Spieltag werden können. Dortmund lag hinten, Mainz lag hinten. Und Leverkusen hatte man selbst vor der Brust. Hätte, wie gesagt. Am Ende gewann sowohl Dortmund, als auch Mainz. Beide drehten ihre jeweiligen Spiele und machten aus Rückstand Sieg. Als diese Partien abgepfiffen waren, habe ich fest damit gerechnet, dass Bayern weiter an Boden verlieren wird und man nach Dortmund für die nächste Zeit gar nicht mehr schauen muss. Aus 12 Punkten Rückstand wurden 14. Von wegen den Abstand halbieren.
Den Bayern wurde zwar ein Tor abgepfiffen, das man hätte durchwinken müssen, aber das wussten wir Zuschauer nach ein, zwei Zeitlupen. Diese Zeitlupen haben die Schiris bekanntlich nicht und es war einfach eine knappe Sache. Das Tor nicht zu geben war Pech, aber einfach menschlich. Dieses “Im Zweifel für den Angreifer” kann ich aber nicht mehr hören. Wann erlebt man das schon mal? Dazu fehlt es den Schiris wahrscheinlich oft an Mut. Wie dem auch sei. Die Bayern versäumen es im Moment – Nürnberg mal außen vor – rechtzeitig den Sack zuzumachen. Nach einer Führung ist man versucht, diese über Ballbesitzorgien zu halten. Wenn du dann aber einen wie van Buyten in der Abwehr hast, der bei jedem Ballbesitz brandgefährlich ist, wohlgemerkt für die eigene Mannschaft, leider, dann geht das schon mal, bzw. recht oft schief.
Schief ging auch das Beflocken des zweiten Schweinsteiger-Trikots. Der “Liga total”-Schriftzug war Überkopf aufgedruckt. Schweinsteiger, der um aufzufallen kein falsch bedrucktes Jersey gebraucht hätte, war, erneut auf der Zehn, wieder der beste Akteur auf dem Feld. Sein feiner Pass auf Gomez brachte die Führung. Den beiden merkt man direkt an, dass sie sich verstehen. Hoffentlich geht das noch ein bisschen so weiter und hoffentlich kann man in der Liga in Kürze mal eine (seit langer Zeit benötigte wie erhoffte und geforderte) Siegesserie einfahren. Die Bayern haben in dieser Saison noch keine zwei Spiele am Stück gewinnen können. Traurig, aber wahr.
Ebenso traurig war erneut die Vorstellung der gesamten Abwehr. Philipp Lahm erwischte einen miserablen Tag, was bei van Buyten inzwischen gewohnte Kost ist und Breno offenbarte in der Spieleröffnung auch die ein oder andere Schwäche. Breno will ich aber am wenigstens kritisieren. Nach monatelanger Pause ist man im zweiten Spiel noch nicht wirklich in der Mannschaft, ist noch kein Teil davon. Er war sehr bemüht und mit etwas mehr Spielpraxis wird das dann auch besser. Ich glaube zwar, dass er außerordentlich talentiert sein mag, aber den großen Hoffnungsträger sehe ich ihn ihm noch nicht. Wer in Brasilien und bei Nürnberg zu überzeugen weiß, muss sich bei den Bayern und auf internationaler Bühne dennoch erst mal beweisen.
Mit etwas anderen Voraussetzungen gilt das auch für Toni Kroos, den ich erneut sehr, sehr schwach gesehen habe. Nach dem Länderspiel habe ich ein Interview von ihm gelesen, in dem er selbstverständlich erwähnte, dass er um seine außerordentlichen Qualitäten genau Bescheid wisse. Man würde lediglich zu viel von ihm verlangen. Ich verlange von ihm nicht weniger, als man etwas zum Spiel beizutragen. Wer sich in den Interviews gibt wie ein Großer, der sollte auf dem Platz nicht Verstecken spielen. Laut van Gaal hat er den Vorzug vor Ribery erhalten, weil Kroos seine Sache auf der linken Seite stets so gut macht. Wahrscheinlich hält sich Kroos dabei an irgendwelche Vorgaben vom Trainer, wie etwa das Positionsspiel auf der Außenbahn. Genialität, Torgefährlichkeit oder Spielmacherqualitäten hat man bei ihm vielleicht im Dress der Leverkusener gesehen, aber bei Bayern kam da noch nicht viel.
Auf die Aussagen von van Gaal sollte man im Moment ohnehin nicht zu viel geben. In vielen öffentlichen Bekundungen des Holländers spricht noch immer der tiefe Stachel, den ihm Uli Hoeneß bei Sky90 gesetzt hat. Schweinsteiger würde er verkaufen, wenn er nicht verlängern will. Eine Ansicht, die man teilen kann, die Verhältnisse beim FC Bayern kennend aber nicht teilen muss. Ein überragender Schweinsteiger im letzten Vertragsjahr ist in der Lage, dem Verein mehr zu bringen, als die 20-30 Millionen, die er sonst ein Jahr zuvor in die Kassen spülen würde. Man muss für ihn erst einmal Ersatz finden, der gleich die zentrale Rolle in der Mannschaft einnehmen kann, die er inne hat. Da braucht auch bitte niemand mit Kroos kommen. Zudem ist es für einen Verein Gold wert, einen Fußballer im besten Alter zu haben, der eine absolute Identitätsfigur des Vereins ist, bundesweit ein Held der Kids ist und ein Standing hat, dass auch über die Landesgrenzen hinaus immer stärker wird. Der Trainer sagte, dass er den Vereinen immer viel Geld eingebracht hat mit seinen Transferentscheidungen. Wenn Nerlinger sich diesbezüglich seine Worte selbst ausgedacht hat und es nicht der geistigen Feder von Hoeneß oder Rummenigge entstammt, muss ich ihn mal loben. Er sagt:
“Er soll uns nicht reich machen. Er soll uns weiter erfolgreich machen. Dafür brauchen wir Spieler wie Schweinsteiger.”
So sieht es nämlich aus. Als Trainer von Alkmaar mag es wirtschaftlich richtig sein, die besten Spieler zu verkaufen. Als Bayerntrainer, oder auch wie damals in Barcelona, braucht er sich um diese Dinge aber meiner Meinung nach weniger Sorgen machen. Dafür hat er ja auch eine starke Chefetage, seine “Freunde vom Vorstand”.
Beliebter wird sich van Gaal bei Fans und Vorstand auf jeden Fall nicht machen, wenn er öffentlich den Spieler weglobt, den man unbedingt halten will, nur um ein paar Millionen einzutreiben. Nochmal: einen heutigen Schweinsteiger kann man so leicht nicht ersetzen. Vom Image und von der Bedeutung für den Verein her schon gleich gar nicht und selbst sportlich würde das selbst mit so manchem Spitzenspieler enorm schwer werden, weil der sich erst mal so eingliedern muss, dass er einem Schweinsteiger annähernd das Wasser reichen kann. Während ich dieses Loblied auf meiner Tastatur singe, staune ich erneut nicht schlecht über die Entwicklung Schweinsteigers, den ich vor zwei Jahren für 5 Millionen bestimmt sofort verkauft hätte. Aus dem Mitläufer ist der Chef geworden.
Und aus dem FC Bayern muss bald wieder das Team werden, das die Gegner dominiert und nach Belieben weghaut. Im Moment scheint das sogar möglich, ganz schlecht sieht es doch gar nicht aus. Wenn Badstuber wieder dabei ist und hoffentlich van Buyten ersetzt, könnte es hinten zumindest etwas gesitteter zugehen. Mit der Herbstmeisterschaft wird es wohl nichts mehr, aber die ganze Saison abzuschreiben, das halte ich für zu früh. Letzte Saison war Bayern in der Rückrunde überragend, die Entscheidung fiel aber ziemlich spät. Im Jahr davor reichte Wolfsburg eine starke Rückrunde um den Titel einzufahren. Eigentlich muss ja jetzt auch nur noch Dortmund so langsam einbrechen, dann ist alles wieder offen. Das werden sie doch?
Ähnliche Artikel:

Pingback: Ein Frustartikel zum momentanen Zickenkrieg | Baziblogger